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german.pages.deLas MañanitasAm Abend des 23. Juni, als die Figuren von Johannes dem Täufer und den anderen Heiligen wieder in ihre Nischen in der Kirche von San Juan Bautista zurückgekehrt waren und die Kinder der Ñañu-Indios den Tanz der kleinen alten Männer zelebriert hatten, kehrte die Nacht ein, dunkelblau und funkelnd, die kürzeste Nacht des Jahres, das Solstiz. Überall wurde in dieser Nacht gefeiert, und in San Juan Dehedo im Staat Queretaro wurde wie immer Las Mañanitas de San Juan gesungen, das Lied der kleinen Morgende des heiligen Johannes. El dia en que tu naciste Am Tag Deiner Geburt Volaron cuatro palomas Vier Tauben flogen hinweg In dieser Nacht voll heidnischer Bedeutung, die mit ihrer Magie die Völker eint, geschah es, das jahrzehntelang Erwartete, Gefürchtete, das Unaussprechliche. Über den Rechner des kleinen Büros einer wohltätigen kanadischen Organisation in San Juan ging Las Mañanitas hinaus in die Welt. Wie ein Wurm verbreitete es sich auf den Rechnern, ein Algorhythmus, wie Spötter später sagten. Windows veröffentlichte schnell einen Patch, doch zu spät. Schon sangen die Netzwerke in Millionen Büros, die Roboter in den Fabriken, die Palmtops der Manager und der Schlapphüte Las Mañanitas. Die illegalen Sender reichten das Signal weiter, und die Crews draussen tanzten dazu. War es das wieder flüssig werdende Blut der Vorfahren in den Ampullen der Heiligenherzen, war es die Hitze der Nacht, in der Abend und Morgen verschmelzen, war es die Ruhelosigkeit in den Gemütern der Jünglinge wir wissen es nicht. Aber wir sahen, was geschah. Wie sie sich aus den Mondschatten der Säulen lösten, wie sie unter den Vordächern hervortraten, wie sie die Türen ihrer Häuser behutsam hinter sich schlossen - vielleicht für immer - und wie sich auf ihren Lippen die Verse von Las Mañanitas formten. Ohne einem erkenntlichen Anführer zu folgen, ohne einen verbindenden Kampfruf, schritten sie voran, selbstbestimmt und doch in strenger Übereinkunft, die keines Wortes bedurfte, in der Hand den Molotow-Cocktail, die Panga, die Fahrradkette, die AK-47, den Pflasterstein. Die Jünglinge mit den unschuldigen Stirnen und dem Zorn im Herzen, den sie in Jahren gelernt, geübt und gespeichert hatten für eine kommende Nacht, diese magische Nacht Sankt Johannes des Täufers. Hinterher haben die Klugen erforscht, wie es dazu kam. Sie stellten plausible Thesen auf. Es war das Internet, sagten die Alten, über das die Jungen sich abgesprochen hatten. Denn wie wäre es sonst erklärlich gewesen, dass sie alle gleichzeitig losschlugen, an vielen Orten des Erdballs zugleich, wie das Peitschen des Schwanzes eines riesigen Reptils, das sekundenlang aus der Starre erwacht und mit einer einzigen Bewegung eine Welt zerstört. Sie kamen und taten, was niemand für möglich gehalten hatte. In den Indiostädten Mexikos, in den Slums von Lima, im Mathare Valley von Nairobi, an den Ufern des La Plata, in den Banlieues von Frankreich, in den Favelas von São Paulo, in den Industriebrachen der Midlands, in den Kasbahs Nordafrikas, in San Pedro Sula, in Lagos, in Kairo, in Teheran, in Bukarest, in den Elendsvierteln von Jakarta, Philadelphia und Huddersfield. Die Klugen wunderten sich, als sie die Zerstörung sahen, die verschmorten Autos und Busse, die zerstörten Hotels, Schulen und Krankenhäuser, die Fabriken, Rathäuser und Präfekturen. Sie sahen die Gefechte zwischen den Jünglingen mit den unschuldigen Stirnen und den wie Astronauten vermummten Polizisten und Soldaten. Sie sahen die Blutbäder und erinnerten sich an Tianmen; sie schauten von den Barrieren hinein in die abgesperrten Viertel und Städte, in der die Jungen ihren Zorn feierten mit orgiastischer Gewalt. Mit Pangas hackten sie den reichen Frauen in ihren Autos die Arme ab, um die Armreifen und Ringe zu rauben, erschlugen Männer, um ihre Handys zu besitzen. Die Klugen, die Alten wunderten sich, denn sie verstanden nicht. Da war kein Führer, mit dem man sprechen konnte, kein Subcomandante Marcos, kein Ayman al-Zawahiri, da schien es auch keinen Gefechtsplan zu geben. Es waren keine Forderungen bekannt, über die man hätte verhandeln können, es gab kein identifizierbares Unrecht, das man beseitigen konnte um den Zorn der Jünglinge zu dämpfen. Es gab kein Links und kein Rechts, keine bolivarische Revolution, aber einen islamischen Jihad, der sich freilich als nachträglich aufgeklebtes Etikett entlarvte. Wie ein pangäisches Erdbeben war die Gewalt der Jungen ausgebrochen. Wo immer man sie fragte, konnte man sich glücklich schätzen, wenn man eine Antwort bekam. Viele Antworten gab es, und manche wiederholten sich. Wir zerstören, was Ihr uns in hundert Jahren gestohlen habt, sagten die einen. Wir zeigen ihnen wer wir sind, sagten andere, damit sie erkennen, was sie uns angetan haben. Und wieder andere riefen: wir haben nichts, wir wollen nichts, aber Ihr sollt dafür büssen. Und zu ihren entsetzten Vätern - falls sie sie kannten sagten sie: verschwindet, Ihr habt schon zu lange auf unsere Kosten gelebt. In der Johannis-Nacht schlug die Flamme empor, um nicht mehr zu verlöschen. Die Alten setzten auf Polizei und Militär. Doch die Bewaffneten waren wenige, und die Jungen viele. Nach blutigen Nächten legten Soldaten die Waffen nieder, denn sie waren auch jung. Sie zogen die Uniformen aus, und gaben ihre Waffen den Jungen. Da verrammelten sich die Alten in ihren grünen, ummauerten Wohnkomplexen mit den eleganten Supermärkten und trauten sich nur noch von Leibwächtern begleitet hinaus in die Welt, die von den Jungen beherrscht wurde, von den Maras, den Beurs, den Jihadisten, den Naxaliten und Maoisten; von den Fanatikern, den gleichgültig Mordenden und Brennenden, und den kriminellen Jugendbanden. Sie öffneten mit Gewalt die Grenze zwischen Mexiko und Kalifornien und nahmen Los Angeles and San Diego in Besitz. Kurz vor Oakland konnte die Nationalgarde sie stoppen. In Honduras öffneten sie die Gefängnisse und befreiten Tausende, die wegen ihrer Tätowierungen eingesperrt waren. Sie durchbrachen die Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik und auch die zwischen Bolivien und Chile und nahmen Antofagasta ein. Sie eroberten Ceuta und Melilla nach heldenhafter Gegenwehr der Spanier, indem sie die Grenzwälle auf Leichenbergen kletternd überwanden. Sie sperrten die Italiener auf Lampedusa in das Gefängnis für Bootsflüchtlinge, entwaffneten die Carabinieri und nahmen die Insel ein mit Hilfe der Mafia, die sich die neuen Herren zu Dank verpflichten wollte. Hilflose Regierungen rangen die Hände, der Sicherheitsrat verurteilte einstimmig das Geschehen, und niemand kümmerte sich darum. Der Papst war zutiefst betrübt über den Missbrauch des Namens des Täufers und beschwor die christlichen Werte der Toleranz und des Verzeihens. Die Jungen aber sangen Las Mañanitas mit dem Hass in ihren Herzen und den Fahrradketten in ihren Fäusten. Die Klugen forschten nach den Ursachen des Kataklysmas. Es waren die Amerikaner in ihrem Unverstand, sagten sie, die die gefangenen Mitglieder der Maras, der hispanischen Drogenbanden, nach Verbüssung ihrer Strafen deportierten, zurück in ihre vermutlichen Heimatländer. Dort setzten sie das in den USA Gelernte um und gründeten Maras, die schrittweise die Macht im Staate übernahmen. In San Pedro Sula errichtete die mächtigste der Maras die multinationale Salvatrucha mit rund 70.000 Mitgliedern in einem Dutzend Ländern zuerst ihre Herrschaft, nachdem sie 2003 einen Autobus gekapert und alle 27 Insassen erschossen hatten, um die Regierung einzuschüchtern. Die Regierung von Honduras, deren Präsident selbst seinen Sohn 1997 durch einen Mara-Mord verloren hatte, ergriff drakonische Massnahmen, ohne Erfolg. Als es den Amerikanern gelungen war, durch Deportation ihrer Jugendbanden ganz Lateinamerika zu infizieren, machten sich die Franzosen in Afrika daran. Nach den Unruhen vom Herbst 2005 schlug die französische Regierung zurück. Tausende wurden vor Gericht gestellt, verurteilt, einer bürgerlichen Karriere beraubt und kriminalisiert. In den Gefängnissen erwarben sie die Kenntnisse, die ihnen im Herbst 2005 gefehlt hatten. Aus den Gefängnissen entlassen, wurden sie in ihre vermutlichen Heimatländer deportiert und bauten dort Banden auf. Die nicht Verbannten blieben in Frankreich und wurden von den Jihadisten reichlich mit jenen Waffen versorgt, die ihnen im Herbst 2005 in ihren Gefechten mit der Polizei gefehlt hatten. Dann warteten sie, motiviert, vorbereitet und bewaffnet, auf das Signal. Nach dem knappen Wahlsieg der Tories in Grossbritannien begann die Regierung, die Attentate des März 2005 in London aufzuarbeiten. Die Moscheen wurden verwanzt, und in den muslimischen Vierteln so viele Kameras installiert, dass jeder Junge aus pakistanischer Familie vierhundert Mal am Tag aufgezeichnet wurde: in der Schule, auf dem Schulhof, im Bus, beim Halal-Metzger und am Eingang des Video Stores. Die Internet-Provider wurden kontrolliert und alle E-mails auf fünf Jahre konserviert. Nur Las Mañanitas konnten sie nicht stoppen; denn was bedeutete schon mexikanische Folklore? Jedermann bewunderte die Deutschen, die die Katastrophe fast unbeschädigt überstanden. Sie hatten keine ehemaligen Kolonialvölker, die Anspruch auf Deutschland erheben konnten, sagten die einen. Viele Deutsche hatten rechtzeitig türkisch gelernt, behaupteten andere. Die jungen Deutschen, die ihren Vätern gerne die Hälse umgedreht hätten, sassen schon im Parlament, neben den Türken und den Kommunisten. Sie brauchten keine AK47, denn sie konnten die Polizei kommandieren. Und was war das wichtigste Resultat des Kataklysmas? Es waren die Frauen, die nach oben katapultiert wurden. Es waren die Töchter der Einwanderer, die Schwestern der gewalttätigen Jungen. Sie hielten nichts von Hass und Gewalt. Sie wollten lieber mit dem Strom schwimmen als gegen ihn. Sie setzten auf Make-up, Manieren und lernten schnell. Vor allem Sprachen. Sie strebten nach dem Abitur statt nach einem Auto. Sie absolvierten die Universitäten in Rekordtempo statt Untergrundnetze zu flechten. Und als eine ganze Generation von Jungen in den Gefängnissen und in der bürgerlichen Ächtung unterging, nahmen die Mädchen ihre Plätze ein: leiteten Firmen, fuhren Autobus und bewarben sich um ein Mandat in ihrem Stimmkreis. Die Arbeitslosigkeit der Jungen kannten sie nicht, denn sie waren diszipliniert, arbeitswillig und bescheiden. Und als es hart auf hart ging, mussten sie ihre Brüder ernähren. Nie hörte man Las Mañanitas aus dem Munde eines Mädchens.
—— Heinrich von Loesch |